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Interview mit Thomas Weski, Chefkurator Haus der Kunst München, im Juni 2004 über die mit dem
HausderKunst Preis ausgezeichnete Videoarbeit und die Arbeitsweise.
Auszug aus der Rede von Dr. Dagmar Preising, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, im November
2005 anlässlich der Verleihung des Rotbuchenpreises.
Interview mit Thomas Weski, Chefkurator Haus der Kunst München, im Juni 2004 über die mit dem
HausderKunst Preis ausgezeichnete Videoarbeit und die Arbeitsweise.
| Thomas Weski: "Was ist das Besondere Ihrer Arbeit "Die Parkwächter von Marrakesch"? |
Birthe Blauth: "Erstmal gar nichts. Ein unbekannter Platz in Marrakesch, er könnte auch irgendwo anders
sein. Ganz normale Häuser, Läden, Autos, Menschen, keine aufregende Szene. Nach gut 5 Minuten ist
der Platz leer. 43 Menschen, Autos und andere Dinge sind nacheinander verschwunden. Das klingt nach
Action, aber der Betrachter merkt kaum etwas. Vielleicht registriert er, dass gerade wieder etwas
verschwunden ist, aber er kann nicht sagen, was es genau war. Wir leben mit der schönen Illusion, dass
wir unsere Umwelt ziemlich vollständig wahrnehmen. Wir fühlen uns sicher, da wir normalerweise meinen,
den Überblick über das Geschehen um uns herum zu haben. Dieser Glaube wird in der Arbeit unterhöhlt." |
| Thomas Weski: "Was sehe ich denn als Betrachter? Eine Fotografie? Ein Video?" |
Birthe Blauth: "Es wirkt wie ein Video mit fester Kameraeinstellung. Was Sie sehen, ist eine Folge von 65
Fotos, ein Daumenkino in digitaler Form. Das erste Bild ist die tatsächlich fotografierte Szene. Alle übrigen
Bilder sind daraus per Bildbearbeitung entstanden." |
| TW: "Dann sind Sie also an Authentizität in der Fotografie nicht interessiert?" |
BB: "Es geht mir nicht um die Dokumentation realen Geschehens. Wenn mich am ersten Bild etwas
gestört hätte, hätte ich auch dieses bearbeitet. Das Ausgangsbild ist das Rohmaterial, aus dem die Arbeit
erst entsteht. Ich suche dieses Bild wie ein Bildhauer das passende Material für eine Skulptur sucht. Ich
habe Bilder, die ich für gutes Rohmaterial halte, ohne momentan zu wissen, was ich daraus machen
werde. Auf der anderen Seite habe ich auch Ideen und warte noch auf die dazu passenden Bilder." |
| TW: "Wie sind Sie zu Ihrer Arbeitsweise gelangt?" |
BB: "Zu der Arbeitsweise kam ich, als ich mich immer stärker für Themen interessierte, die ich mit rein
malerischen oder zeichnerischen Mitteln nicht bearbeiten kann. Daher begann ich, nach neuem
Arbeitswerkzeug zu suchen. Ich habe mit bildbearbeiteten Fotos experimentiert, Fotos mit digital erstellten
Zeichnungen ergänzt, dabei immer wie in der Malerei auf ein Endbild hingearbeitet. Das Medium hat aber
viel mehr Möglichkeiten. Aus einem Ausgangsbild kann ich unzählige machen, sei es dass ich dieses Bild
als Sequenz in eine Richtung entwickle, sei es dass ich in mehrere Richtungen gehe. Das passt im
Moment perfekt für mich." |
TW: "Kann man dann sagen, dass Ihre Arbeit zwei Pole hat: Zum einen die Bildfindung, die Suche nach
neuen Ausdrucksformen, und zum anderen die Auseinandersetzung mit Wahrnehmung?" |
BB: "Ja, das kann man so sagen. Diese Auseinandersetzung ist der Antrieb, Bilder und neue
Ausdrucksformen zu suchen. Ich habe ursprünglich Kulturwissenschaften studiert, in die Kunst bin ich
relativ spät und quer eingestiegen. Während des Studiums habe ich mich viel mit Ikonologie und
Mythologie beschäftigt. Daraus entstand das Interesse an Wahrnehmungspsychologie und an der
aktuellen Gehirnforschung. Auf diesem Boden entwickle ich meine Arbeiten." |
| TW. "Und woran arbeiten Sie aktuell?" |
BB: "An einer Fahrt über die Autobahn, vom Beifahrersitz aus gesehen. Der Betrachter glaubt einerseits
zu fahren, da Bäume, Strommasten und Schilder am Fenster vorbeiziehen. Andererseits merkt er, dass es
keinen Meter vorangeht." |
| TW: "Na, dann viel Erfolg und gute Fahrt!" |
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Die Parkwächter von Marrakesch
Auszug aus der Rede von Dr. Dagmar Preising, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, im November
2005 anlässlich der Verleihung des Rotbuchenpreises.
Der zweite Preis geht an die Videokünstlerin Birthe Blauth aus München. Roten Klatschmohn genießen
lautet der Titel ihrer vielschichtigen Arbeit.
Für Birthe Blauth bildet auch die Farbfotografie den Ausgangspunkt ihrer Gestaltung, doch setzt sie diese
nicht an der Wand in einer Reihung nebeneinander, sondern lässt sie durch Überblendung zu einem
Videofilm werden. Der Prozess der Veränderung wird hier also nicht im wandernden Blick des Betrachters
erfahrbar, sondern in der Bewegung der Bilder selbst. Das nur Naturschöne wird im Kunstschönen erlebbar,
das Naturschöne ist im Kunstschönen aufgehoben, lautet, wie ich meine, ihre Botschaft.
So beginnt das Video mit einer farblich zweigeteilten Fläche, die man als eine Feldlandschaft mit einem
Himmelsstreifen darüber lesen kann. Das Gelb des unteren Bildteiles wird immer dunkler, bis aus dem
Ockerton allmählich eine blühende Mohnwiese unter hellblauem Himmel wird. Diese wird nun nicht etwa,
wie der Betrachter vermuten könnte, in herbstliches Szenario gewandelt, sondern die roten Mohnblumen
werden unscharf und verschwimmen zu roten Farbflecken und Farbstrichen, werden breiter und dominant,
bis schließlich ein einziger breiter roter Pinselstrich die Kunststruktur gänzlich überdeckt. Diese so
entstandene rote Fläche wandelt sich dann wieder in den Zweiklang Ocker und Blau und wir kehren zur
Ausgangssituation zurück.
Die schöne Natur, diese frühlingshafte Blütenwiese wird in einen virtuelle Malerei gewandelt, eine virtuelle
Malerei, denn nicht mehr Pinsel, Farbe und Leinwand stehen für die Kunst, die die Natur transformieren
kann, sondern Fotokamera, Video- und CD-Technik, die nunmehr die Malerei selbst darstellen und in ein
anderes Medium zu transformieren vermögen, so dass im alten Wettstreit der Künste nun nicht mehr unbedingt
die Malerei den Sieg davon trägt.
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Roten Klatschmohn genießen |